Lesebeispiel

4. Irimi und Tenkan – Eintritt und Drehung

Energie annehmen: zuhören, abholen und für einen Sichtwechsel bereit sein

Im Aikido

Die Schrittkombination Irimi und Tenkan ist die Basis vieler Aikido-Techniken. Mit dem Irimi-Schritt tritt der Verteidiger direkt auf die Energie des Angreifers ein. Er macht einen Schritt nach vorn auf den Aggressor zu, leicht seitlich, um sich dessen Energie nicht frontal auszusetzen. Durch dieses „Abholen“ nehmen die Energie des Angreifers und die des Verteidigers Kontakt zueinander auf. Die Kräfte werden nicht blockiert, sondern können in einer gemeinsamen Bewegung verschmelzen. Gegenüber einem kraftvollen Angreifer braucht es etwas Mut, die Irimi-Bewegung auszuführen. Sie kann aber die notwendige, bestimmte Antwort auf seine Aktion sein.

Nach dem Eintreten mit dem Abholschritt und erfolgter Kontaktaufnahme wird oft die Tenkan-Bewegung ausgeführt. Tenkan ist der drehende Schritt nach außen. Dabei dreht sich der Verteidiger um 180 Grad. Das führt zum einen dazu, dass dort, wohin der Angreifer zielt, niemand mehr steht. Und zum anderen schaut sich der Verteidiger auf diese Weise die Situation auch aus der Sicht des Angreifers an.

Die verbundenen Energien können vom Verteidiger in kreisförmige Bahnen weitergeleitet werden – in einen Wurf, einen Griff oder auf den Angreifer zurück. Welche Aktion er wählt und wie stark sie ausfällt, richtet sich nach der Intensität des Angriffs und sollte in Bezug auf die Gesamtsituation verhältnismäßig sein.

In den Übungen mit Irimi und Tenkan wird das sanfte Aufnehmen und Weiterleiten der Angriffsenergie, der Grundgedanke des Aikido, unmittelbar sicht- und spürbar.

Illustration von Patricia Köppel: Irimi – eine Person tritt seitlich an die andere heran, Pfeile zeigen die Bewegungsrichtung
Illustration von Patricia Köppel: Tenkan – Drehung auf dem Standbein, Pfeile zeigen die Drehbewegung
Einem Messer-Angriff tritt der Verteidiger seitlich ausweichend entgegen und macht unmittelbar darauf den Drehschritt um 180 Grad, aus dieser Position heraus erfolgt die Abwehrtechnik.

Wenn wir uns verbal oder durch Aktionen angegriffen fühlen, ist die Versuchung groß, mit impulsiver Abwehr zu reagieren. Nach dem Aiki-Prinzip sollten wir das nicht tun – und mit etwas Übung gelingt uns das auch. Dann nehmen wir die Energie wahr, holen sie ab und lenken sie zusammen mit unserem Gegenüber in eine für beide Seiten gute Richtung.

Das Entgegentreten mit dem Irimi-Schritt bedeutet, mit wachem Interesse auf den anderen zuzugehen, ohne dass wir uns dabei von einer vielleicht aggressiven Äußerung, also einem Argument, einer Drohung, einer Lüge, einer Beleidigung oder auch einer Schmeichelei, beeindrucken lassen. Es bedeutet auch, unserem Gegenüber ernsthaft zuzuhören. Auf diese Weise stellen wir einen Kontakt her, der ein fließendes Weiterführen der Energie zulässt. Würden wir dem anderen sofort unsere Sicht der Dinge entgegenhalten, wäre die Situation rasch auf der Stufe „Kraft gegen Kraft“ oder „Argument gegen Argument“ blockiert. Dies gilt es zu vermeiden.

In den meisten Fällen machen wir als Nächstes den Tenkan-Schritt. Wir drehen uns bildlich gesprochen um 180 Grad und stehen so für einen Moment auf der Seite des anderen. Wir sehen also die Situation so, wie er sie sieht. Es kann gut sein, dass wir uns dabei eines Missverständnisses bewusst werden. Vielleicht erkennen wir auch, dass sein Anliegen berechtigt ist. Oder uns wird klar, dass wir die Reaktion sogar provoziert haben. Vom Resultat unseres Sichtwechsels hängt ab, wie der Energiefluss weiter verläuft.

Hier kommt die geistige Beweglichkeit ins Spiel. Es macht einen großen Unterschied, ob wir dringend antworten müssen – etwa um uns selbst zu verteidigen – oder ob wir uns damit Zeit lassen können, wie es beispielsweise bei der schriftlichen Korrespondenz der Fall ist. Im Idealfall haben wir genug Zeit, um auf eine Antwort unserer Intuition zu warten. Also intensiv über das Problem nachzudenken, es anschließend loszulassen sowie darüber schlafen zu können. Oft haben wir es selbst in der Hand, uns mit einer gewissen Gelassenheit diese Zeit zu nehmen. Steht sie uns aber nicht zur Verfügung, können wir wenigstens gedanklich Pro und Kontra abwägen und uns dann bewusst für eine Richtung entscheiden. Besteht allerdings sofortiger Handlungsbedarf, kommt die Ausrichtung unseres Geistes zum Tragen. Das heißt, unser gesamtes Weltbild mit seinen Werten, bewussten Überzeugungen und unbewussten Glaubenssätzen übernimmt die Führung. Und genau für diese Fälle ist die im Kapitel „Ai“ erwähnte bewusste innere Ausrichtung wichtig!

Beispiel

Zu nachfolgendem Bild: Ein Kind drückt seinen Unmut lautstark aus. Seine Mutter geht zu ihm hin und sieht die Situation aus seiner Sicht. Dabei erkennt sie den wahren Grund des Problems: Müdigkeit, zu wenig Beachtung, Ungerechtigkeit, Machtspiel oder Ähnliches. Gemeinsam geben die beiden der Energie eine zweckmäßige Richtung.

Illustration von Patricia Köppel: Eine Frau fragt nach, ein Kind weint wegen eines Problems, eine zweite Frau hört zu und sagt «Ach so!»